Logbucheinträge zur Nordwestpassage

Logbuch Einträge von der Nordwestpassage 2009

Logbuch-Eintrag Nr. 10 - MS BREMEN
07. September 2009, 12:00 Uhr
Position: 64° 29.6’ N, 165° 26.3’ W, Nome – Alaska | an der Pier
Luft: 8,5°C - bewölkt, Wasser: 10°C, Wind: var 1-2 Bft
Nome | Grauwal | Moschusochsen „There is no place like Nom" - auch für uns alle bedeutet diese Stadt in Alaska, an deren Stränden noch immer nach Gold-Nuggets gesucht wird etwas ganz Besonderes.  Denn genau wie für Roald Amundsen auf seiner historischen Reise 1903 bis 1906 markiert diese Stadt das Ende einer langen, spannenden und interessanten Reise. 103 Jahre und 3 Tage nach der ersten Nordwestpassage, genossen wir gestern gegen 12-00 Uhr den Luxus, mit unserer so zuverlässigen Bremen genau nach 3 Wochen wieder an einer Pier festzumachen.
Einen Tag früher als ursprünglich geplant, waren wir gestern an diesem Außenposten der Zivilisation angekommen. Und dennoch erschien uns das was wir sahen plötzlich groß. In den vergangen Tagen haben sich einfach unsere Maßstäbe verschoben. In den unendliche Weiten der arktischen Tundra und des polaren Eises wurden wir alle zu Entdeckern, die Sinne schärften sich und plötzlich wurden kleine Tiere ganz anders wahrgenommen.  Bescheidene Flechten erreichten die Schönheit und Einzigartigkeit ganzer Frühlingswiesen im Allgäu.
Und so war es für viele Gäste zum Abschluß ihrer Reise dann noch einmal ein unerwartetes Erlebnis als sie in Nome bis auf nur 20 Metern vor Moschusochsen standen. Hatten wir uns alle doch so darüber gefreut, in der Johansen Bucht bis auf 500 Meter herangekommen zu sein. Ja, so ist das mit den Maßstäben.....
Dabei gab zum Ende dieser Reise, nachdem wetterbedingten Ausfall von Barrow noch einmal einen unerwarteten Höhepunkt, der uns lange im Gedächtnis bleiben wird.
Auf der Datumsgrenze als Zeitreisende zwischen dem Morgen und Heute nach Süden unterwegs, passierten wir am Samstag durch die Enge, an der die Sonne für USA und Rußland zur gleichen Zeit auf- und untergeht..... Naja, so ganz stimmt das natürlich nicht. Nicht zur gleichen Zeit, aber zum gleichen Moment. Der Moment, der genau einen Tag auseinander liegt. Ein Paradoxon, was sich berechnen, aber nur schwer begreifen läßt.  Wie so vieles auf dieser Reise.....
Auf jeden Fall durften wir Zeuge werde, wie sich in unmittelbarer Nähe vor uns ca. 350 Walrose am Strand um jeden freien Platz konkurrierten. Dem nicht genug kamen plötzlich 3 Grauwale ganz nah an unsere Bremen heran.
Trübte das Grau des Himmels noch kurz zuvor viele Gesichter, erhellte das Grau dieser Wale sie schlagartig. Grau, die Farbe des Tages ! - ... ein Geschenk des Himmels.  Vor allem wenn man bedenkt, daß es von diesen Tieren nur noch wenige hundert Tiere auf der Welt und nur im Pazifik gibt.
Eine tolle, erlebnisreiche Reise hat ein gebührendes Ende gefunden. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Gästen bedanken, die in uns das Vertrauen in die Durchführung einer solchen Reise gesetzt haben. Ich wünsche mir, daß die meisten aller Träume erfüllt wurden und manches Unerwartete für Überraschung sorgte. Schließlich war es uns gelungen 2 Ortschaften während der Reise anzulaufen, an denen zuvor noch nie ein Schiff gehalten hatte. So besuchten wir auch erstmalig den Ort, an dem 1831 der magnetische Nordpol bestimmt wurde.
Ich möchte mich an dieser Stelle aber auch recht herzlich bei meiner gesamten Besatzung bedanken, die durch ihre Zuverlässigkeit, ihr unermüdliches Engagement, ihre Individualität und die Bereitschaft, persönlich Dinge soweit zurückzustecken diese Reise erst zum Erfolg führten.  Mit allen gemeinsam freue ich mich auf ein gemeinsames Wiedersehen auf unserer kleinen BREMEN.......

VIELEN DANK .... !

Kapitän Mark Behrend

 

Logbuch-Eintrag Nr. 10 - MS HANSEATIC
5. September 2009, 12:00 Uhr
Position: im Hafen von Reykjavik/ Island
Luft: 14°C, Wasser:11°C, Wind östlich 5 Bft, bewölkt
Seekarte / Treffen mit der BREMEN / Nach Reykjavik / Original Stickerei von Roald Amundsen Am Mittwochmorgen verabschieden wir uns nach drei Wochen von der Arktis und machen uns auf den langen Weg nach Island – das letzte Ziel unserer Reise. Noch einmal erleben wir die faszinierende Landschaft Grönlands, als wir in den frühen Morgenstunden den 65 sm langen Prins Christian Sund durchfahren und damit das oft stürmische Kap Farewell an der Südspitze Grönlands meiden. Der Sund ist gesäumt von hohen, vergletscherten Felsen. Heute hängen die Wolken tief und das fahle Licht gibt der Passage eine besonders mystische Atmosphäre. Am Ostausgang des Sundes grüsst uns der wahrscheinlich letzte Eisberg dieser Reise.

Der Donnerstag gehört dem Abschiedfeiern, jedenfalls offiziell: Beim Farewell-Cocktail versammeln sich alle Passagiere nochmals in der Lounge und unser Chefkoch läuft beim anschliessenden Gala-Dinner wieder zur Höchstform auf. Beim Auftritt des Crew-Chores kommt so richtig Stimmung auf: Es wird geschunkelt und mitgesungen, zum Schluss tönt noch einmal aus allen Kehlen der „Northwest Passage“-Song (inzwischen schon ganz gut…). Die kunstvoll verzierte Souvenir-Seekarte der Reise wird für einen namhaften Betrag zugunsten eines guten Zweckes versteigert. Kleine Überraschung: Alle Passagiere bekommen ein Logbuch, das von unseren Lektoren mit Bildern und Texten gestaltet wurde.

Über die Irminger-See geht es am Freitag mit östlichem Kurs nach Reykjavik. Dieses Seegebiet ist berüchtigt als Wetterküche des Nordatlantik. Hier entwickeln sich die Islandtiefs, die ihre Ausläufer oft bis Europa entsenden. Heute allerdings glauben wir, in der Karibik zu sein: Spiegelglatte See und blauer Himmel, das erlebt man hier extrem selten!

Plötzlich fährt der Wachoffizier eine scharfe Kursänderung nach Steuerbord, das Schiff neigt sich erheblich zur Seite. Als wir in der Observation Lounge ans Fenster stürzen, sehen wir den Grund: Ein riesiger Wal quert unseren Kurs, er ist zum Greifen nahe! Unsere Biologin ist ganz ausgelassen, denn sie hat den Giganten einwandfrei als Blauwal, das grösste Tier der Welt, identifiziert. Ein schönes Highlight zum Reiseende.

Mit dem Einlaufen in Reykjavik am Samstag um 0700 Uhr ist die achte Nordwestpassage der „Hanseatic“ dann beendet. Was für eine Reise! 5400 Seemeilen haben wir 23 Tagen zurückgelegt, 21 Landungen durchgeführt, davon 14 mit unseren Zodiacs. Wir haben Walrosse, Eisbären und Narwale gesehen, sind im Packeis gekreuzt und konnten uns über langanhaltend gutes Wetter freuen. Unbestreitbar ein Höhepunkt war auch das historische Treffen mit der „Bremen“ in Gjöa Havn, über das man noch lange sprechen wird.

Auf der Brücke der „Hanseatic“ hing die Reise über das Original einer Stickerei, die Roald Amundsen bereits 1903 auf seiner „Gjöa“ mitführte. Es war eine freundliche Leihgabe des norwegischen Schiffahrtsmuseums in Oslo. Der Text: „Glück und Erfolg folge den tapferen Männern der Gjöa“ – auch uns hat diese Stickerei Glück gebracht für einen erfolgreichen Verlauf dieser spektakulären Reise – da bin ich mir sicher.

Unsere Gäste verlassen das Schiff mit tausenden Fotos, vielen Stunden Videoaufnahmen und unzähligen Erinnerungen; die meisten von Ihnen werden schon bald wiederkommen…

Damit schliesst sich das Online-Logbuch unserer Nordwestpassage. Ich hoffe, verehrte Leserinnen und Leser, meine Berichte von der „Hanseatic“ haben Ihnen gefallen. Vielleicht sehen wir uns einmal an Bord – es gibt viel zu entdecken auf der Welt!

Ihr Kapitän Thilo Natke

 

Logbuch-Eintrag Nr. 9 - MS BREMEN
04. September 2009, 12:00 Uhr
Position: 70° 54.1’ N, 160° 09.7’ W, Entlang der Küste Alaskas in Richtung Beringstrasse
Luft: 6°C - bewölkt, Wasser: 7°C, Wind: Süd 3-4 Bft; ca.2 m nördliche Dünung; später Sonne und auffrischend 6 Bft  
Sonnenaufgang / Arktisches Eis Die Duplizität der Ereignisse, oder wie sich so manches einfach wiederholt.
Hatte die Hanseatic aufgrund des auflandigen Seeganges an dem nördlichsten Punkt des US-amerikanischen Kontinentes nicht mit den Zodiacs anlanden können, so ereilt uns das gleiche Los zum Ende dieser tollen Reise. Für uns kommt dabei allerdings noch die Schwierigkeit hinzu, daß wir in Barrow auch behördlich für die Einreise in die USA hätten einklariert werden sollen. Zügig mußte eine Entscheidung getroffen werden. Pläne wurden ad acta gelegt, Seekarten studiert, im Expeditionsteam mit Ihren jahrelangen Erfahrungen nach Alternativen gesucht. Bei allem Bemühen, kommen wir an einer Tatsache nicht vorbei: vor einem Landgang müssen wir von den Behörden für die Einreise abgefertigt werden. Und so war schnell klar, daß wir das erste Mal in Nome, unserem Reiseziel, den Fuß an Land setzten werden. Allerdings werden wir diesen Hafen einen Tag früher als geplant erreichen. So wird wieder einmal an Bord umdisponiert, um ein attraktives Programm für den gewonnen Tag in diesem Außenposten Alaskas zusammenzustellen. Es sollte gelingen! Aber mit Beginn des nun einziehenden Herbstes in der Beaufort-See, erinnert uns das Wetter daran, daß der Namensgeber der berühmten Wind-Skala nicht für die Glätte eines honigartigen Brotaufstriches Pate stand.  Dabei kann bei 6 Windstärken von Sturm noch lange keine Rede sein. Vielmehr haben sich unsere Maßstäbe durch das tolle Wetter der letzten Wochen sehr nach oben verschoben.  Das nächste Hochdruckgebiet wartet bereits südlich der Beringstrasse auf uns. Und auf diese Meerenge, die nach dem dänischen Entdecker Vitus Bering benannt wurde halten wir jetzt zu - werden sie morgen Nachmittag erreichen. Wie zwei Grenzpfosten stehen hier die beiden Diomeden-Inseln, die nicht nur zwei Kontinente, sondern auch zwei Supermächte von einander trennen...auch 2 Welten? Vielleicht kommen ja in ferner Zukunft Visionäre auf die Idee, die beiden Inseln als Pfeiler einer Brücke vom Gestern in das Heute zu schlagen – schließlich gilt es nicht nur 80km „Enge“, sondern auch die Datumsgrenze zu überqueren. Doch vor dem morgigen Tag, gilt es über die beiden vergangenen zu berichten.
Gedanklich sich vom Eis der Nordwestpassage bereits verabschiedet, sind wir am Mittwoch, dem Tag nach Herschel Island, noch einmal dort hinein gefahren, was alle fasziniert. Wer besonders früh morgens unterwegs war, erlebte für Minuten ein farbliches Feuerwerk des arktischen Himmels, gespeist von einer einzigen Lichtquelle – der aufgehenden Sonne. Gegen 0900 Uhr waren wir im Eis und die Gäste an Deck. Noch einmal bahnte sich die Bremen ihren Weg durch das arktische Packeis. Wobei der Weg kein Ziel hatte – herrlich! Einfach dorthin, wo es schön ist – dorthin, wo das Eis uns hinläßt. Noch klarer, noch reiner, noch weißer und mächtiger erscheint es im Vergleich mit dem, was wir in der Victoria-Straße gesehen haben.  „ Weite“ kommt von „ Weiß“ und „ Weiß“ kommt von „Eis“ !  Nein ? - ...ich glaube hier oben doch. Irgendwie scheint hier alles merkwürdig miteinander verbunden.  Jeden berührt diese nochmalige Begegnung mit der faszinierendsten Form des Wassers. Welch unglaubliches Glück wir dabei wieder mit dem Wetter hatten! Oder lag es vielleicht daran, daß der Hoteldirektor ohnehin an diesem Tag an Deck seine kulinarischen Köstlichkeiten im Rahmen eines BREMER Freimarktes darbot. Leider bekamen wir trotz intensiver Ausschau über einen ganzen Tag, keinen weiteren Eisbären zu sehen. Zu groß scheint diese arktische Wüste. Und ich bin mir ziemlich sicher: wenn einer in der Nähe gewesen wäre, wir hätten in mit den Düften unserer Grillspezialitäten ganz dicht an das Schiff gelockt.
Mit beginnender Dunkelheit waren wir am Abend zurückgefahren in den nur ca. 15sm breiten Streifen eisfreien Küstengewässers. Unser nächstes Ziel sind nun die Diomeden-Inseln in der Bering Strasse.

Kapitän Mark Behrend

 

Logbuch-Eintrag Nr. 9 - MS HANSEATIC
1. September 2009, 12:00 Uhr
Position: 60° 36' N, 046° 22' W
Luft: 7°C, Wasser: 5°C, Wind W 2-3 Bft, schwach bewegte See, bewölkt
Sisimiut / Nuuk / Buckelwale Die Stadt Sisimiut in Mittelgrönland begrüsst uns Montagmorgen mit tiefhängenden Wolken und Dauerregen. Der erste Regentag seit fast zwei Wochen, wir wollen nicht undankbar sein. Nach 4600 Seemeilen (etwa 8500 km) wird hier zum ersten Mal wieder Treibstoff gebunkert, obwohl wir unsere fünftägige Reserve nicht angetastet haben. Auch der Schiffsmüll von drei Wochen wird an Land abgegeben.

Kirche und Museum haben für uns geöffnet und die halbtägige Liegezeit wird für einen ausgiebigen Rundgang genutzt. Auch die Fütterung der Schlittenhunde gehört zu den Sehenswürdigkeiten dieses Ortes.

Kurz vor Abfahrt des Schiffes erleben wir noch eine Kostprobe grönländischen Spitzensportes. Ein Inuit in seinem traditionellen Kajak demonstriert seine Kunst, fünf „Eskimorollen“ schafft er hintereinander, danach noch drei mit nur einer Hand! Das Wasser ist 5° kalt…Die Polarvölker bringen wahre Könner im Kajakfahren hervor, es gibt sogar internationale Meisterschaften hierfür.

Kleine Überraschung für unsere Gäste am Dienstag: Da wir noch ein wenig Zeit haben, wird kurzfristig ein Besuch der Hauptstadt Nuuk (12000 Ew.) ins Programm aufgenommen. Hauptattraktion dieser relativ modernen Stadt sind die etwa 500 Jahre alten Mumien, die im grönländischen Nationalmuseum, direkt neben unserer Landestelle, schaurig-schön anzusehen sind.

Ganz plötzlich tauchen sie auf: Zehn Seemeilen vor der grönländischen Küste unterbrechen drei Buckelwale den ruhigen Mittwochvormittag auf See. Durchsage machen! Schiff stoppen! … sind eins, und dann nehmen wir uns Zeit, diese bis zu 15 Meter langen Giganten der Meere eine Weile aus nächster Nähe zu beobachten. Besonders beeindruckend ist es, wenn sie zu ihrem Tauchgang ansetzen und dabei die riesige Schwanzflosse für einen Moment in die Luft strecken. Wieder klicken die Kameras an Deck ununterbrochen, gut dass auf dem Chip Platz für tausend Fotos ist…

Ganz im Süden Grönlands liegt das kleine Städtchen Qaqartoq, das übrigens den einzigen Springbrunnen des Landes aufweist. Dieses Mal fahren wir mit Tendern an Land, denn die Küstenfähre legt gerade an. Sie ist der „Überlandbus“ Grönlands, Strassen gibt es entlang der 2400 km langen Küste nämlich nicht. Schnell versammeln sich viele Menschen auf dem Kai. Im nahen Fischmarkt werden frisch erlegte Robben ausgenommen und zum Verkauf vorbereitet.

Die letzte Anlandung dieser Reise wird zu einem besonderen Ereignis: In Hvalsey, tief in den grönländischen Fjorden, versammeln sich im Licht der Abendsonne die „Rotjacken“ der Hanseatic vor der Ruine einer alten Wikingerkriche aus dem 13. Jahrhundert. Aus dem Innern der Ruine klingen sphärische Klänge unseres Pianisten und unser Kreuzfahrtdirektor hält eine kurze, besinnliche Ansprache.  Noch einmal über die vergangenen Wochen in der Arktis zu reflektieren, ist ein würdiger Abschluss dieser aussergewöhnlichen Expeditionsreise, die ja noch nicht zu Ende ist…

Kapitän Thilo Natke

 

Logbuch-Eintrag Nr. 8 - MS BREMEN
01. September 2009, 12:00 Uhr
Position: 69° 33.6’ N, 138° 56.2’ W, Herschel Island
Luft: 8°C - ein sommerlicher Tag, Wasser: 5°C, Wind: zunächst Stille; ca. 1.5m östliche Dünung; später Sonne und 4 Bft aus Ost  
Victoria Island - Smoking Hills Doch zunächst 2 Tage zurück. Wie geplant besuchten wir Holman, diese kleine Ansiedlung der Copper Inuit, auf Victoria Island. Einen ganzen Tag hatten wir Zeit, um einen Einblick in das lokale Kunsthandwerk der Inuit zu nehmen. Dabei war trotz aller möglichen Vorbereitungen zunächst nicht klar, welche Häuser an diesem Sonntag für uns geöffnet sein werden. Wie immer hier oben in der Arktis, müssen viele Dinge einfach und schließlich vor Ort ausgehandelt werden. Nach Wochen in der Arktis hat sich unser Expeditionsleiter für diese „Last-Minute-Absprachen“ schon ein dickes Fell zugelegt. Und so auch heute...plötzlich ist doch alles offen. Die Trommeltänze werden zu einem Ereignis nicht nur für unsere Gäste. Der ganze Ort, mit  Kind und Kegel folgte den Aufführung dieser alten Iniut-Traditionen – und wir mitten drin. Bei soviel Programm fiel es, glaube ich, dann auch gar nicht ins Gewicht, daß wir während unseres Aufenthaltes nur sehr eingetrübte Sichtverhältnisse hatten.  So war es letztlich nur der Himmel, der auf seiner gesetzlichen Ruhe beharrte und einen Tag Auszeit nahm.
Naja, so ganz stimmt das nicht. Denn auch am gestrigen Montag, war beim Wetter noch eine gewisse Katerstimmung zu spüren.  Der Wind hatte inzwischen gedreht. 5 Windstärken aus Nord reichten, damit diejenigen, die früh an Deck standen, den eisigen Grimm der Beaufortsee zu spüren bekamen. Auf dem Programm stand die Passage der „ Smoking Hills „, dieser rauchenden Berge, die bereits für die Europäer 1850 Robert Mc Clure entdeckte. Südlich von dem bekannten Cape Bathurst, das das westliche Ende des Amundsen Golfes abgrenzt, findet man dieses Naturschauspiel. Seit vermutlich mehr als 1000 Jahren, brennt hier die Erde im „wärmsten“ Sinne des Wortes. Und auch die eisige Kälte der Arktis hat es nicht geschafft, der Selbstentzündung der Einschlüsse von bitumösem Schieferton den Gar aus zu machen... und natürlich auch nicht diese lächerlichen Regen- und Schneeschauer, die an diesem Morgen über uns und diese einmalige Landschaft hinwegzog. Es läßt sich an dem heute leicht erblaßten Farbenspiel der mineralischen Elemente an dieser Küste nur erahnen, daß hier wohl einst der Herrgott mit seinem Tuschkasten ins Stolpern gekommen sein muß.
Heute nun Herschel Island. Vergessen die meteorologischen Variationen in Grau: Doch zwischen regengrau und himmelblau lag zunächst das arktische Weiß. Nein, nicht Eis, auch nicht Schnee.... sondern die strahlende Tristess von Nebel – zumindest auf unserem Ankerplatz.  Nebel ist nie schön, aber heute konnten wir ihn gar nicht gebrauchen. Denn das Wasserflugzeug, das uns den amerikanischen Lotsen für unseren weiteren Weg gen Westen brachte, kann nur unter Sichtbedingungen fliegen.  Norman Thomas, unser kanadischer Ice-Master, für den der Flieger den Heimtransfer bedeutete  meinte nur: „ ..eine winzige Lücke reicht aus, dann kommen sie ....alles Bush-Pilots hier !“ Wo gibt’s hier denn Büsche? Wir konnten es nicht sehen, nur anhand der reduzierten Motorendrehzahl hören, daß einer dieser Pilots den Flieger sicher gelandet hatte.  Dabei zeigt sich im Verlauf der Ausbootungen, daß nur das Schiff im Nebel lag. Das Land und dieses so einzigartige Fleckchen Erde strahlten im Sonnenlicht unter einem blauen Himmel.  Gegen Mittag überzeugte uns alle ein wunderschönen Sonntag - ... am heutigen Dienstag.
Sir John Franklin hat diese Insel erstmals 1826 erreicht. Schneeweiße Grabtafeln aus Holz erinnern uns an die Bedeutung der Insel, die sie bis 1907 hatte: bis zu 1500 Menschen lebten hier vom und nicht wenige davon starben für den Walfang. Ein einziger nördlicher Glattwal brachte 20.000 US$. Aber wie sonst hätte man auch die lebensnotwendigen Korsagen für den französischen Modemarkt herstellen können, wenn nicht aus dem stabilen und dennoch flexiblen Barten dieser Meeressäuger.  Heute genießen wir diese unglaubliche Stille dieses Ortes, in dem mittlerweile ein einzigartiges Erbe von Mensch und Natur als Nationalpark unter Schutz gestellt ist.
Die nun folgende Nacht werden wir uns langsam weiter nach Westen bewegen. 80 km vor uns fängt mit dem 141sten westlichen Längengrad Alaska an, und steuerbord von uns liegt nur 2267 km entfernt der Nordpol. Dazwischen ein wenig Wasser und ganz viel Eis. Und da wollen wir morgen noch einmal die Nase, oder doch besser den Bug der BREMEN hineinstecken.  

Kapitän Mark Behrend

 

Logbuch-Eintrag Nr. 8 - MS HANSEATIC
31. August 2009, 12:00 Uhr
Position: 66° 56'3 N, 053° 40'33' W - im Hafen von Sisimiut
Luft: 7°C, Wasser: 7°C, Windstill, Regen, gute Sicht
Uummannaq / Ilulissat / Eisberg des Tages Samstag: Angekommen in Grönland! Bei der morgendlichen Einfahrt in den Uummannaq-.Fjord flankieren Hunderte von Eisbergen unseren Weg. Diese weissen Riesen stammen alle von den Gletschern Grönlands und gehen von hier aus auf ihre jahrelange Reise, bevor sie endgültig schmelzen. In allen erdenklichen Formen gleiten sie im hellen Sonnenlicht an uns vorbei.

Im Zickzackkurs können wir die Eisberglandschaft zügig durchqueren. Kommt ein Titanic-Gefühl auf? Nein, heutzutage kann man  Eisberge bei Dunkelheit und Nebel  im Radar gut erkennen und rechtzeitig ausweichen - das gab es vor 97 Jahren nicht. Der „Eisberg des Tages“, mit einem riesigen Loch in der Mitte, erscheint rechtzeitig zum Sonnenuntergang vor den Linsen der Fotografen.

Mit Uummannaq besuchen wir ohne Zweifel das schönste Dorf Grönlands. Zahllose bunte Holzhäuser sind an die felsigen Hänge der Insel gebaut. Über allem thront der über 1000 Meter hohe „Herzberg“, dessen Form an ein Robbenherz erinnert. Auch der Weihnachtsmann ist in Uummannaq zu Hause. Da er noch Urlaub hat, empfängt er uns in seiner Hütte, die allerdings erst nach einer beschwerlichen Wanderung zu erreichen ist.  Es gibt Glühwein und Zimtsterne…

Sonntag: Rückwärts geht es in den kleinen  und engen Hafen von Ilulissat: Die „Hanseatic“ dürfte keinen Meter länger sein, um hineinzupassen. Oft blockiert Eis die Hafeneinfahrt, oder Nebel behindert die Sicht. Heute haben wir Glück und das Manöver wird für die Brückencrew zum „nautischen Leckerbissen“.

Unsere Passagiere haben Gelegenheit, den farbenprächtigen Ort, mit 4000 Einwohnern drittgrösste Stadt Grönlands, zu erkunden und eine Wanderung zum Eisfjord zu unternehmen: Dort entlässt der produktivste Gletscher der Welt, der Jakobshavn Gletscher, jeden Tag  bis zu 25 Millionen Tonnen Eis ins Meer, er bewegt sich dabei bis zu 30 Meter vorwärts!

Am Nachmittag ist es dann soweit: Wir können uns dieses Spektakel aus nächster Nähe anschauen. Schnell sind in der Disko-Bucht unsere Zodiacs zu Wasser gelassen und auf einer eineinhalbstündigen Rundfahrt geht es durch das Labyrinth der hier treibenden Eisberge, die auch mich immer wieder aufs Neue faszinieren.
Selbst von Bord des Schiffes aus scheinen die friedlichen Giganten zum Greifen nahe. Hinter einem Eisberg taucht plötzlich das Boot des Hotelmanagers auf, der die Gäste der vorbeifahrenden Boote mit frischem Kaffee und Kuchen versorgt. So ein Service!

Kapitän Thilo Natke

 

Logbuch-Eintrag Nr. 7 - MS HANSEATIC
28. August 2009, 12:00 Uhr
Position: 72°52’ N, 068°06' W
Luft: 8°C, Wasser: 5°C, Wind N 2-3 3 Bft, leicht bewegte See, sonnig, gute Sicht
Beechey Island / Resolute Bay Mittwoch: In den frühen Morgenstunden verlassen wir am Nordausgang des Peel Sound das letzte Packeis. Nochmal hat uns früh um vier die aufgehende Sonne über spiegelglatter See mit ihrem Farbenspiel beeindruckt.

Heute morgen steht der Besuch der kleinen Siedlung Resolute Bay auf dem Programm. In jedem Schulatlas eingezeichnet, als handele es sich um eine Grossstadt, so sind es doch nur wenig mehr als 200 Menschen, die hier wohnen. Frühmorgens ist der Ort noch sehr verschlafen, aber wir bekommen Gelegenheit, einen Blick in die Schule zu werfen und werden von der Lehrerin freundlich empfangen.

Nachmittags landen wir auf Beechey Island. Dieser Ort spielt bei der Suche nach der Nordwestpassage eine  besondere Rolle: Von hier zog Franklin 1846 mit 129 Männern aus, um den Seeweg vom Atlantik in den Pazifik zu entdecken. Seine Spur verliert sich 300 sm südlich von hier… Immer noch ranken sich Mythen um seine Expedition.

Auf der unwirtlichen Insel erinnern Gedenksteine, die Reste eines Hauses und drei Seemannsgräber an die Franklin-Expedition und die mehr als 40 Suchexpeditionen, die ihr folgen sollten. Ein Ort mit ganz besonderer Atmosphäre!

Unser Eisbärenwächter hat mit seinem Gewehr wieder Posten an Land bezogen. Durch das Fernglas beobachtet er drei weisse Punkte sehr genau: Es ist ein Muttertier mit zwei Jungen, zum Glück weit entfernt. Kämen sie in unsere Richtung, müssten wir unsere Passagiere schnell an Bord zurückbringen. Aber sie trollen sich in die entgegengesetzte Richtung. Ihr und unser Glück…

In einer kleinen Zeremonie gedenken wir der Männer, die hier früher unter unsäglich schwierigen Bedingungen und mit der quälenden Ungewissheit einer sicheren Heimkehr unterwegs waren. Wie gut geht es uns hingegen an Bord unserer komfortablen „Hanseatic“! Zum arktischen Brauch gehört es, dass auch wir ein Dokument unserer Anwesenheit, gut verschlossen in einer Stahlkapsel, in einem „Cairn“ hinterlassen.

Donnerstag: Unsere letzte Landung in der kanadischen Arktis gehört Dundas Harbour, einem schönen Naturhafen auf Devon Island. Hier haben unsere Passagiere noch einmal Gelegenheit, in der Tundra ausgiebig herum zu wandern und die klare arktische Luft zu geniessen.

Kanada goodbye! Wir machen uns jetzt auf den 600 sm langen Weg quer über die Baffin Bay. Nach den ereignisreichen letzten Tagen tut ein Seetag mal ganz gut, um die Eindrücke „sacken“ zu lassen. Abends wird an Deck rustikal gefeiert: Die „Hanseatic“ hat zum achten Mal erfolgreich die Nordwestpassage befahren! Die Stimmung unter arktischem Himmel  ist ausgelassen…

Jetzt heisst es, auf zu neuen Ufern: Nach Grönland!

Kapitän Thilo Natke

 

Logbuch-Eintrag Nr. 7 - MS BREMEN
29. August 2009, mittags
Position: 68° 30.3’ N, 111 ° 06.8’ W, Ross Point / Johansen Bay gerade verlassend –  Einfahrt in den Coronation Gulf
Luft: 15°C - ein sommerlicher Tag, Wasser: 8°C, Wind: Stille & spiegelglatte See  
Victoria-Strasse Das Barometer ist um 20 hPA auf einen Luftdruck von 1005 hPa gefallen.
Die animierten Grafik des Druckmessers zeigt Regen, Blitz und Donner - der Blick nach draußen dagegen etwas völlig anderes: Sonne und nahezu Windstille...so ist das hier.

Ereignisreiche und abwechslungsreiche 3 Tage liegen hinter uns.  Bei hochsommerlichen 15°C haben die meisten Gäste heute die Gelegenheit genutzt, in der Johansen Bucht an Land zu gehen. Ein knapp 3 km langer Weg führte auf ein Hochplateau. Ein phantastischer Blick auf unseren Ankerplatz, aber auch auf den nächsten Routenverlauf lag vor uns. Einen Hügel weiter ließen sich 8 Moschusochsen nicht durch unsere Anwesenheit stören. Stören mußten wir allerdings nach Auslaufen unsere Gäste, als wir inmitten des BBQs mit der Durchsage platzten, daß wir auf eine Gruppe von ca. 200 Ringelrobben zusteuerten. Bei ganz langsamer Fahrt passierten wir dieses Schauspiel bei spiegelglatter See im Coronation Golf.  Wir befinden uns augenblicklich in dem Seegebiet, daß dem Entdecker Amundsen bei seiner Passage jeglichen Schlaf raubte.  Nicht nur das. In dem seinerzeit gänzlich unvermessenen Seegebiet, deren Seekarten noch heute zu großer Vorsicht durch starke Strömungen raten, schrieb er am 20.08.1905 in sein Tagebuch:“ Ich konnte nicht mehr essen. Bei jeder Mahlzeit plagte mich ein nagender Hunger, und dennoch konnte ich keinen Bissen hinunterbringen „.  Welch ein Unterschied in diesen 105 Jahren Zeitspanne zu unserer Nordwestpassage doch liegt.  Nein, Hunger muß nun wirklich keiner von uns erdulden.
Gestern  besuchten wir mit Cambridge Bay die vermutlich zentralste Siedlung des historischen Seeweges. Arved Fuchs fand hier während seiner Arktis-Umrundung im Winter 2003-04 einen geeigneten Überwinterungsplatz für seinen Segler, die Dagmar Aaen.  In unmittelbarer Nähe erinnerte uns das deutlich aus dem Wasser ragende Wrack der MAUD, wie dicht Erfolg und Mißerfolg in der Arktis seit je her beieinander lagen. Es bot sich aber in Cambridge Bay auch eine der wenigen bescheidenen Möglichkeiten, ein paar Frischwaren lokal nachzukaufen.
Der 26.08. wurde ein ganz besonderer Tag. Nach entbehrungsreichen Jahren, traf die Mannschaft von Amundsen Gjöa an diesem Datum auf den amerikanischen Walfänger Charles Hansson. Nachdem Leutnant Hansen im zurief: „Schiff in Sicht“, schrieb der norwegische Polarforscher weiter in sein Tagebuch: “Die Nordwest-Passage ist beendet. ...Es war ein wundervoller Tag.“  Ganz soweit waren wir allerdings an noch nicht. Ein wundervoller Tag wurde es dennoch. Unsere Rechnung ging auf. Eine Stunde nachdem wir im südlichen Teil der Victoria-Strasse den Anker gehievt hatten, trafen wir auf Eis...auf viel Eis...auf ganz viel Eis.  Und bis Mittag hatte nun jeder an Bord vor Augen, warum die Passage auf dem Wege nördlich von King William Island nicht passierbar war. Wir brachten das Schiff bis in ca. 8/10 Eis und gönnten uns den kostbarsten Luxus überhaupt: Zeit! Zwei Stunden wurde das Schiff gestoppt, um die weiße Wüste der Arktis unter stahlblauem Himmel bei nahezu Windstille zu erleben. Dieses Eis läßt keinen kalt. Hoch am Himmel überflog uns ein Eisaufklärungsflugzeug der kanadischen Küstenwache. Die Radargeräte wurden ausgeschaltet, um mit möglichst wenig Nebengeräusche  die brüllende Stille in dieser Weite nicht zu stören.  Jeder nahm diesen kostbaren Moment anders auf.  Und Viele nutzten, die Möglichkeit, das Mittagessen auf dem aussichtsreichsten Deck – dem Helikopterdeck – einzunehmen.
In genau einem dieser stillen Momente ließ sich selbst das Fauchen einer Eisbärenmutter vernehmen,  die zusammen mit ihrem Nachwuchs, trotz unseres Erscheinens, nicht von dem frischen Fang abließ. Bis zum Abend sollten es insgesamt 9 Eisbären werden, die wir an diesem besonderen Tag des 26.08. zu Gesicht und vor die Linse bekamen.  Unvergeßliche Momente, für die die Brennweite einer normalen Pupille völlig ausreicht.
Auf unserem Weg Richtung Beaufort See werden wir nun morgen noch eine Stop in der Siedlung von Holman auf Victoria Island einlegen.

Kapitän Mark Behrend

 

Logbuch-Eintrag Nr. 6 - MS HANSEATIC
26. August 2009, 12:00 Uhr
Position: 74°42’ N, 094°49’6 W
Luft: 5°C, Wasser: 4°C, Wind NW 3 Bft, ruhige See, sonnig, gute Sicht
Ein Bär kommt sogar neugierig bis auf 20 Meter Es ist kaum zu glauben: Das stabile Hoch über der Arktis beschert uns jetzt schon seit einer Woche jeden Tag einen blauen Himmel, strahlende Sonne und wenig Wind! Die Sonne steigt jeden Morgen gegen vier Uhr glutrot aus dem Meer auf und verabschiedet sich um zehn Uhr abends ebenso wieder. Schöne Tage sind nicht selten „hier oben“, aber meistens im Wechsel mit grauem und stürmischem Wetter.

Montag: Wir kreuzen jetzt in der Franklin Strait und im Peel Sound. Dieses ist die kritischste Stelle der NWP, denn hier herrschen auch im arktischen Sommer oft noch schwierige Eisbedingungen: Mächtiges, polares Eis wird durch den McClintock-Channel nach Südosten in diesen Flaschenhals geschoben. Auch in diesem Jahr ist diese Passage nicht eisfrei, allerdings gelingt es uns, nach Studium der Eiskarten eine Route zu finden, wo uns das heftigste Eis erspart bleibt. Immer wieder müssen wir aber Packeisfeldern ausweichen. Gelingt
dies nicht, schieben wir die Schollen mit langsamer Fahrt zur Seite. Gelegentlich rumpelt es auch kräftig, wenn wir mit dem Schiff Eiskontakt haben. Wieder ist die Back der beliebteste Aussichtspunkt für unsere Passagiere. Auch die Brücke ist ein beliebter Anlaufpunkt bei dieser anspruchsvollen Eisnavigation.

Wir hatten schon nicht mehr daran geglaubt, doch dann ist es soweit: Bärenalarm! Mit einer einzigen Durchsage leert sich das Restaurant während des Dinners in Sekundenschnelle. Unser Expeditionsleiter hat auf einer Scholle zwei Eisbären entdeckt, wir drehen das Schiff und fahren darauf zu. Zwei Bären? Fünf sollen es schliesslich werden, als noch eine Mutter mit zwei Jungen aus der zerklüfteten Eislandschaft auftaucht. Mehr als eine Stunde verbringen wir mit gestopptem Schiff neben der Eisscholle und beobachten den „König der Arktis“ aus sicherer Distanz. Ein Bär kommt sogar neugierig bis auf 20 Meter an
das Schiff heran, wir halten den Atem an!

Dienstag: Das ideale Wetter und ein wenig Reserve im Fahrplan
machen die Entscheidung für einen Abstecher leicht: Wir fahren durch die 22 sm und recht enge Bellot Strait in das Prince Regent Inlet. Mitten in der Passage liegt auf unserer Steuernbordseite der Zenith Point. Er markiert den nördlichsten Punkt des amerikanischen Kontinentes. Von hier aus kann man trockenen Fusses bis nach Patagonien laufen – jedenfalls theoretisch.

Bei Fort Ross besuchen wir einen seit den fünfziger Jahren verlassenen Aussen-posten der „Hudson’s Bay Company“. Zwei Hütten zeugen von der Vergangenheit dieses Platzes, aber auch die Tundralandschaft aus Felsen, grünen Hängen und Eisresten am Strand ist sehenswert.

Im Laufe des Tages sehen wir weitere Eisbären an Land und im Wasser, abends zeigt unsere Liste bereits 18 Striche!

Kapitän Thilo Natke

 

Logbuch-Eintrag Nr. 6 - MS BREMEN
26. August 2009, mittags
Position: 68° 31.4’ N, 099° 44.2’ W
Luft: 7°C, Wasser: 3°C, Wind: Stille, spiegelglatte See, Sonne pur Luftspiegelungen lassen jedes Gefühl für Entfernungen verlieren
Grundschulklasse in Taloyoak - Radarbild der südlichen Einfahrt zur Simpson Strasse - aktuelle Eiskarte mit unserem Routenverlauf im Seegebiet des LarsensSoundes Nach dem Treffen mit der Hanseatic in Gjöa Haven, hob sich am nächsten Morgen nur langsam die Nebeldecke.  Doch genau wie die Entdecker vergangener Tage, hatten wir heute einmal keine Eile. Den individuellen Landgang nutzten Gäste wie Besatzung für einen Besuch in einer Kommune, die mit einem bescheidenen Stolz die historische Bedeutung der  Nordwestpassage langsam für sich wiederentdeckt.  Einen ganzen Tag hatten wir Zeit, uns selber ein Bild davon zumachen, wie die Menschen hier ihren Weg zwischen eigener Kultur und Errungenschaften der Moderne finden – spannend ist es allemal.
Gerade hatten wir das letzte Zodiac an Deck genommen, versagte auch die nun langsam hier oben schwächer werdende Kraft der Sonne. Nach der vorangegangenen Nacht und den folgenden Stunden, hatten wir alle Verständnis dafür, daß der Sonne nebulösen Liddeckel sich ermattet schlossen, nachdem sie selber den ganzen Tag ein Auge auf uns geworfen hatte.
Ortswechsel -  mit 6 kn bei 50 m Sicht: Taloyoak in der Spence Bay, 90 sm nordöstlich von Amundsens kleinem Hafen – wir hatten fast keine Informationen und nahezu keine Erwartungen. Das sind genau die richtigen Voraussetzungen für einen Expeditionsstop. Was dann folgte war eigentlich unglaublich. Würde es für „ wau “ ein treffenderes  Wort  geben, für das, was wir erlebt haben, würde ich es verwenden:  So viele begeisterte Stimmen zu diesem Premierenanlauf. Nicht etwa für die Bremen, sondern viel mehr für diesen Ort, in dem noch nie, auch ein noch so kleines Kreuzfahrtschiff, den Anker geworfen hat. Selbst das erste, der beiden jährlichen Versorgungsschiffe, war noch nicht in diesem Jahr eingetroffen. Die Begegnung mit einer überaus uns freundlich zugeneigten Bevölkerung, fand ihren Höhepunkt in der Einladung, die örtliche Schule für insgesamt 308 Kinder im Alter von
5-18 Jahren zu besuchen.  Im Nu fand ich mich sitzend auf dem Boden einer Grundschulklasse wieder. Dabei umringt von den Schülern dieser Klasse, denen ich nun mit einem Globus in der Hand genau erklären mußte, woher wir kamen und wohin wir fahren werden.  Selten sah ich in solch wissenshungrige Augen. Und die Lehrerinnen, sowie die Schuldirektorin ertrugen unser doch so unvorbereitetes Erscheinen mit einer stoischen Ruhe und einer strahlenden Freundlichkeit.  Zumindest mit der Ruhe war es Punkt 12 vorbei.  Schulschluß ! – doch statt in 5-türige, funktionale Familienautos sprangen die Schulkinder, auf die geländegängigen, 4-rädrigen Vehikel, den sogenannten Quads . Viele von uns hat dieser Morgen sehr berührt – ja „ wau „.
In der vergangenen Nacht warteten wir am Anker auf ein günstiges Gezeitenfenster durch die engste und neben der Bellotstrasse die navigatorisch anspruchsvollste Stelle einer Nordwestpassage. Sowohl Nebel als auch Dunkelheit und Gezeitenströmungen bis 10 kn lassen die Durchfahrt nur in einem schmalen, schlecht berechenbaren Rahmen zu. Wieder einmal waren es die unschätzbaren Informationen des Eisbrechers Laurier, die uns Vieles erleichterten. So passierten wir dieses Nadelöhr am frühen Morgen bei Stillwasser ohne Probleme. Unserer Planung voraus, änderten wir wieder einmal alle Tagesabläufe kurzfristig und liefen Jenny Lind Island -  mit unserem Spaziergang durch die polare Tundra -  bereits nachmittags an und....?
.... haben einen ganzen Tag gewonnen, um den Gästen morgen früh zu zeigen, warum wir nicht den Larsensound über die Victoria-Strasse haben durchfahren können.  Die letzte Eiskarte und Satellitenaufnahmen zeigen noch immer einen Thrombus von 9/10 Eisbedeckung, gespeist aus dem unablässigen Zufluss des Mac Clintock Kanales.  Uns erwartet bei gutem Wetter noch ein ganzer Tag im Eis – mit der luxuriösen Erkenntnis, daß das Eis uns an einer Fortsetzung unserer Nordwestpassage nicht mehr hindern wird.   Wir werden alle noch einmal Ausschau halten, nach dem Tier,  das sich im Augenblick bei sternenklarer Nacht am Himmel über uns zirkumpolar herumschleicht – Ursus major polaris – dem weißen Bären!

Kapitän Mark Behrend

 

Logbuch-Eintrag Nr. 5 - MS HANSEATIC
24. August 2009, 12:00 Uhr
Position: 70°02’ N, 096°44’ W
Luft: 1°C, Wasser: 1°C, Wind W 2/3 Bft
ruhige See, dunstig
Cambridge Bay Strahlend blau ist der Himmel, als wir am Freitag in der Johansen Bay auf Victoria Island unseren Anker werfen. Bei einer Tundrawanderung erleben unsere Passagiere die karge Vegetation der Arktis, die durchaus ihren Reiz hat, denn auch hier grünt und blüht es! Die ersehnten Moschusochsen, die hier oft anzutreffen sind, bleiben allerdings aus. Dafür besichtigen wir die Überreste einer verlassenen Station des militärischen Frühwarnsystems (DEW Line). Auch das ist Arktisgeschichte.

Samstag – der heutige Tag gehört der Erkundung von Cambridge Bay, einer Stadt in Nunavut, die mit 1800 Einwohnern schon zu den grösseren in der Arktis gehört. Auch hier hat sich seit meinem letzten Besuch 2002 viel getan, neue Häuser wurden gebaut und in der modernen Highschool, gebaut in der Form einer Muschel, bekommen wir einen weiteren Einblick in die Kultur der Inuit: Bei einer Vorführung werden uns Trommeltänze, die typischen Kehlkopfgesänge sowie „Arctic Sports“ gezeigt. Alles authentisch und nicht nur Touristen-Klamauk.

Im flachen Wasser der Bucht sehen wir die traurigen Reste der „Maud“, einem hölzernen Schiff, mit dem Roald Amundsen 1918 – 1920 die Nordostpassage durchquerte. Seit 1930 liegt es hier als Wrack.

An diesem Abend belohnt uns die Arktis wieder mit einem gigantisch schönen Sonnenuntergang. Die Sonne geht im Kielwasser der „Hanseatic“ im Meer unter und hinterlässt noch lange einen glutroten Himmel.

Gestern dann der Tag, auf den wir gewartet haben: Wir treffen die „Bremen“! Die Koordination dieses Schiffstreffens war nicht einfach, denn es musste ein geeigneter, eisfreier Ankerplatz gefunden werden, wo beide Schiffe eine Weile nebeneinander ankern konnten. Nach der engen und schwierigen Passage der Simpson Strait mit ihren tückischen Unterwasserbänken treffen wir nachmittags in Gjöa Havn auf der King William Insel ein, wo wir zunächst dem Ort (400 Ew.) einen Besuch abstatten.

Spätnachmittags erscheint am Horizont dann ein weisser Fleck, der langsam grösser wird. Dort kommt sie, die „Bremen“, unsere kleine Schwester! Sie hat ihre lange Reise in Grönland begonnen und wird nach Nome weiterfahren, wo unsere Reise begann. Zwei Hapag-Lloyd Expeditionssschiffe  mit 500 Passagieren und Crew begegnen sich in der Arktis – eine Premiere!

Das Wetter ist ideal, und als die „Bremen“ ihren Anker geworfen hat, gehen mein Kollege Mark Behrend und ich gleich in die Luft: Vom kanadischen Eisbrecher „Sir Wilfried Laurier“, der hier ebenfalls vor Anker liegt, werden wir spontan zu einem Helikopterflug eingeladen, um uns im Licht der untergehenden Sonne „unsere“ Schiffe einmal von oben zu betrachten. Eine gigantische Perspektive!

Abend wird dann zünftig gefeiert: Es gibt drei Stunden „open ship“ für Passagiere und Crew beider Schiffe. Viele kennen sich von früheren Reisen und es mutet an wie ein riesiges Familientreffen. Auf dem Pooldeck wimmelt es von roten Jacken, bei Freibier, Hotdog und Live-Musik kann man sich kurz nach Mitternacht kaum voneinander trennen. Aber die „Hanseatic“ muss weiter, Richtung Eis…

Kapitän Thilo Natke

 

Logbuch-Eintrag Nr. 5 - MS BREMEN
24. August 2009, mittags
Position: 68° 36.6’ N, 095° 53.9’ W
Luft: 8°C, Wasser: 4°C, Wind: variabel 1 Bft, gekräuselte See
Morgens Nebel, der sich immer mehr auflöst, nachmittags Sonne
Auf Reede südlich Gjöa Haven / King William Island Aber Hansen der die Wache im Mastkorb hatte, sah mehr als wir, und plötzlich ertönte es von oben von da oben her: „ Ich sehe den schönsten kleinen Hafen, den es überhaupt geben kann!“  Das schrieb Roald Amundsen im September 1903 in sein Tagebuch, als sie nach einer überaus anstrengenden Fahrt mit mehreren Grundberührungen in der James Ross Strasse diese so geschützte Bucht erreichten.

Auch wir alle an Bord der Bremen freuten uns außerordentlich, als wir die Anton Lund Insel passiert hatten und mit Nordkurs auf unseren Ankerplatz zusteuerten. Beide Szenerien liegen dabei aber nicht nur zeitlich weit auseinander. Denn obwohl, auch wir bei der Passage durch die James Ross Strasse ganz besonders vorsichtig navigieren mußten, lag der Grund unserer Freude im Aufeinandertreffen mit der Hanseatic.  Die Szenerie hätte Hollywood dabei nicht besser gestalten können.
Bei wolkenlosem Himmel und ca. 1 Stunde vor Sonnenuntergang, schob sich die Bremen langsam ganz dicht an der bereits auf Reede liegenden Hanseatic vorbei. Der traditionelle Gruß unter Schiffen mit dem Schiffstyphon fand noch einen zusätzlichen "Bassisten" - das Eishorn des kanadischen Eisbrechers Sir Wilfried Laurier.  Es war ein unglaubliches Konzert an Stimmen und Emotionen, die zwischen zwei aus so unterschiedlicher Richtung und Gegenden dieser Erde kommenden Schiffen, ausgetauscht wurden.   Nach dem Abendessen hatten Gäste und Besatzung beider Schiffe Gelegenheit, das jeweils andere zu besuchen.  Selbstverständlich wurde auch die Besatzung des Eisbrechers zur anschließenden „Pölser-Party“ auf das Pooldeck der Hanseatic eingeladen. Es war beeindruckend zu sehen, wie viele Gäste und Besatzungsmitglieder sich auch zwischen den Schiffen seit langem kannten. Ob aber den eigentlichen Paukenschlag des Abends alle mitbekommen haben, möchte ich bezweifeln. Ein „ Green Flash – der grüne Blitz „ ! für ca. 5-6 Sekunden -  dieses extrem seltene astronomische Phänomen, wenn die glutrote Sonne unter den Horizont abtaucht und den Himmel kurzzeitig grün einfärbt.  Es wurde ein wunderschöner Abend.
Nach dem nächtlichen Auslaufen der Hanseatic, hatten wir heute einen sehr beschaulichen Tag in dem Ort, an dem Amundsens Gjöa für 2 Überwinterungen sicher gelegen hat.
Trotz dieses historischen Zusammentreffens verliefen die Tage von Resolute bis zur Ankunft auf King William Island nicht minder spannend. Die letzten Eiskarten zeigten uns einen freien Weg auf der Ostseite des Peel Soundes, dem wir vorbei an der Bellotstrasse nach Süden folgten. Auch wenn wir häufig für das Durchfahren verschiedener Eisbänder die Geschwindigkeit  reduzieren mußten, kamen wir gut nach Süden voran. Die Freude war groß, als unser Icemaster Norman Thomas mit seinem Gespür für Eis auch Spürsinn für Eisbären bewies. Nach dem Freitag-Bären, sichteten wir nun unseren Samstag-Bären, der sich in unmittelbarer Nähe vor uns auf beide Hinterbeine aufrichtete.  Es war fantastisch.
Zum Teil ganz dicht unter Land fahrend, planten wir für den Morgen des 24.sten etwas noch etwas ganz besonderes, ohne zu wissen, was uns dort erwartet. Aus dem Tagebuch von Roald Amundsen hatten wir von der Position des magnetischen Nordpols erfahren, der bei Kap Adelaide 1831 von John Ross bestimmt wurde. Die Anlandung nach einer 1.5 sm langen Zodiacfahrt wurde ein voller Erfolg. Wenn man weiß, daß die Untersuchungen seiner Zeit in einem Iglu durchgeführt wurden, brauchten wir auf Spuren dieser Expedition nicht mehr zu hoffen.  Dennoch war es mehr als nur das Gefühl, einmal an einem ( ehemaligen ) Nordpol gewesen zu sein, was 95 Gäste an diesem Morgen von der Boothia-Halbinsel mit zurücknahmen.  Genau wie Amundsen setzten wir im Anschluß unsere Route im Osten von King William Island durch die James Ross Strasse ab. Die direktere Victoria Strasse ist mit mehr als 9/10 Eisbedeckung noch immer nicht passierbar.  Das folgende Aufeinandertreffen mit der Hanseatic war somit zur Realität geworden.
Auch nach dem Auslaufen aus Gjöa Haven, wollen wir dieses Gebiet hier durch die Simpson Strasse noch nicht Verlassen und haben morgen alles für einen zusätzlichen Premieren-Anlaufen von Taloyoak  in der Spence Bay vorbereitet. Es erwartet uns wieder einmal solch ein typischer Expeditionsstop – morgen wissen wir mehr.
 

Kapitän Mark Behrend

 

Logbuch-Eintrag Nr. 4 - MS HANSEATIC
21. August 2009, 12:00 Uhr
Position: 68°35’ N, 111°07’ W
Luft: 9°C, Wasser: 5°C, Wind W 3/4 Bft
schwach bewegte See, sonnig, gute Sicht
Inzwischen haben wir Cape Bathurst umrundet und befinden uns jetzt in der Amundsen See. Unser heutiges Ziel ist ein geologisches Phänomen: Schon von weitem sehen wir in der Franklin Bay rauchende Berge, die „Smoking Hills“. Ölhaltiger Schiefer ist dort vor Hunderten von Jahren unterirdisch in Brand geraten, dicker Rauch quillt aus der Erde und wird vom Wind verteilt. Keine Feuerwehr der Welt kann diesen Brand löschen – wozu auch? Schnell sind unsere Zodiacs im Wasser und in zwei Gruppen machen unsere Passagiere in der Abendsonne über einige Meilen eine Rundfahrt entlang der qualmenden Küste. Hier an Land zu gehen wäre zu gefährlich.

Am Morgen des 20. August steuern wir Victoria Island an, die „Hauptstadt“ Holman ist unser Ziel. Schöne und idyllische Dörfer bringt die Arktis nicht hervor, alles ist abgestimmt auf die harschen Bedingungen, unter denen hier die Inuit leben. Wir gehen durch den Ort, der etwa 400 Einwohner zählt und nach arktischen Massstäben damit eine Grossstadt ist. Wir besuchen den Coop-Store mit der Poststelle, die Schule und den Friedhof. Die Menschen sind freundlich, aber reserviert. Das Leben in der Arktis prägt einen eigenen Menschenschlag.

Endlich Eis! Bei strahlendem Sonnenschein und Windstille erleben wir einen dieser traumhaften arktischen Momente.  In der Dolphin und Union Strait am Ostende der Amundsen See erstreckt sich über eine Distanz von 80 sm ein Packeisfeld. Das aufgelockerte Eis mit einer Bedeckung von max. 4/10 können wir zügig durchqueren, für den Kontakt mit den Eisschollen ist die „Hanseatic“ mit ihrer Eisklasse E 4 bestens gerüstet.

Das ersehnte Eis lässt unsere Passagiere schnell auf der Back, dem Vorschiff des Schiffes, zusammenströmen, wo man über die Reling lehnend das Aufprallen der Schollen auf den Rumpf sehr gut beobachten kann. Das Schiff gleitet ruhig durch das Eis und auch an Deck herrscht eine fast andächtige Stille…

Das nächste Ereignis wartet schon: Beim abendlichen „Recap“ in der Explorer Lounge lassen unsere Lektoren den Tag noch einmal Revue passieren, Fragen werden beantwortet, es gibt eine Vorausschau auf die Aktivitäten des nächsten Tages und ein vielstimmiger Chor aus Passagierstimmen übt zum ersten Mal das Kultlied dieser Route: „Northwest Passage“ von Stan Rogers – bis zum Reiseende muss es sitzen!

Der Tag verabschiedet sich mit einem grandiosen Sonnenuntergang.

Übrigens: Manchmal irrt auch Wikipedia – das erste Passagierschiff, das die Nordwestpassage erfolgreich durchquerte, war nicht die „World Discoverer“, sondern im Jahre 1984 die „Lindblad Explorer“ mit genau 100 Passagieren an Bord.

Kapitän Thilo Natke

 

Logbuch-Eintrag Nr. 4 - MS BREMEN
22. August 2009, mittags
Position: 72°01.2’ N, 095°3.4’ W
Luft: 4,5°C, Wasser: 1°C, Wind: NW 6 Bft, mässig bewegte See
ein trockener - am Abend auch sonniger Tag
Anlandung / Eisbär Die Zeit rast. Doch was wird unsere Geschwindigkeit in den jetzt kommenden Tagen sein? Es ist Mitternacht und wir haben den Eingang zum Peel Sound nach einer ersten Eisfahrt erreicht. Doch der Reihe nach: Gestern noch befanden wir uns am Osteingang des Lancaster Sounds. Die traditionell erste Anlandung erfolgt hier bei Dundas Harbour. Wunderschönes Wetter bei besten Ausbootungsbedingungen: Den Parka bei der Überfahrt noch hochgeschlossen, genossen doch viele Gäste die wärmenden Sonnenstrahlen bei einem ausgiebigen Spaziergang durch wunderschöne Landschaft zu einer verlassenen Station.  Nach der Ausfahrt aus der geschützten Bucht drehten wir das Schiff nach Westen.  Dicht unter der Küste und immer nach sich bewegenden weißen Flecken Ausschau haltend, nahmen wir Kurs auf Beechey Island – ein Muss für jede Passage durch das Labyrinth aus Eis und Inseln in der kanadischen Arktis.
Beechey Island: Es ist 07-00 Uhr, als das Fallen des Ankers in der Erebus-und-Terror-Bucht die morgentliche Ruhe zerstört. Schwacher Nieselregen, und das Grau des Himmels duldete nur ansatzweise konkurrierende Farben an seiner Seite. Auch die Sonne wurde in ihre Schranken verwiesen.  Es war genau die richtige Stimmung, um an das unsägliche Leid so vieler gescheiterter Expeditionen und ihrer Männer zu erinnern, die durch den Mythos Nordwest-Passage getrieben, in die Arktis aufbrachen:


Erstarrt, ... und dennoch vorwärts getrieben / verloren der Blick, unendlich das Weiß,
die Sehnsucht, ... wo die Träume geblieben? / Rot färbt die Träne das arktische Eis...

Zerberstende Schiffe – Seelen erfrieren / die Hand dieser Männer, wird Dein Geleit,
so schließe die Augen und schau’ durch die Ihren
jen’ Schicksal Dich führe, durchs eisige Weit.

..nur zwei Verse eines Gedichtes, daß von „ weißen Schmerz und rotem Eis „ erzählt.
Ich denke, uns hat alle die Nähe an vergangenen Katastrophen der arktischen Entdeckungsgeschichte in Betroffenheit versetzt.
Unser nächstes Ziel, Resolute, begrüßte uns mit schneidender Kälte bei 6 Windstärken. Dennoch ließen es sich nahezu 100 Gäste nicht nehmen, mit unseren Zodiacs an Land zu fahren. In der Zwischenzeit führten die kanadischen Behörden auch hier oben in der Arktis ihr jährliche Hygiene und Gesundheitsbesichtigung durch. Als ich zum Abendessen das Resultat dieser Inspektion im gesamten Schiff verkündete, entlud sich die Anspannung der gesamten Besatzung im anerkennenden Applaus der Gäste: 100 Punkte – besser geht es nicht.  Danke Allen !
Doch selbst das ist schon fast wieder vergessen, als in der Abenddämmerung, 15 Minuten nach unserem ersten Eiskontakt, uns der König der Arktis dicht am Schiff begrüßte.  Wir sind da angekommen, wohin wir wollen: in der hohen Arktis auf dem Wege nach Westen.  Die nächsten 2 Tage werden spannend: uns erwartet viel Eis !
Zuviel?
 
Kapitän Mark Behrend

 

Logbuch-Eintrag Nr. 3 - MS HANSEATIC
19. August 2009, 12:00 Uhr
Position: 70°27’ N, 130°01’ W
Luft: 6°C, Wasser: 7°C, Wind NW 3/4 Bft
schwach bewegte bewegte See, gute Sicht
MS HANSEATIC Gestern Morgen: Unsere erste Anlandung in der Arktis! Der stürmische Wind der vergangenen Nacht an unserem Ankerplatz  lässt am Morgen wie bestellt nach und bei Sonnenschein können wir um 0900 Uhr alle Passagiere mit unseren Zodiacs auf Herschel Island an Land bringen. Es ist eine „nasse Landung“, da wir direkt am Strand anlanden, aber unsere Passagiere sind ja mit Gummistiefeln und Expeditions-Parkas bestens ausgerüstet.

Herschel Island ist ein geschichtsträchtiger Ort. Thule Indianer lebten hier schon vor vielen hundert Jahren und bis 1907 wohnten Walfänger auf dieser Insel am Ende der Welt. Heute ist sie, bis auf ein paar Ranger im Sommer, unbewohnt. Unsere Passagiere geniessen es, diesen historischen Ort für ein paar Stunden erkunden zu können.

Die Zeitreserve in unserem Fahrplan nutzen wir für eine kurzfristige zusätzliche Landung: Unser Ziel ist Kings Point, der Überwinterungsplatz der Amundsen-Expedition von 1903. An diesem unwirtlichen Ort denkt man unwillkürlich an die harten Bedingungen, unter denen damals Expeditionen stattfanden: Ein Haufen Männer auf einem kleinen hölzernen Schiff, eingefroren im arktischen Eis, ohne die Sicherheit und den Komfort, mit denen wir heute diese Gegend bereisen dürfen. Extremer könnte der Kontrast kaum sein.

Dann folgt für einige von uns ein unfreiwilliges Abenteuer: Plötzlich aufkommender Wind macht es unmöglich, die letzten Passagiere und Crewmitglieder vom Strand an Bord zurückzubringen, die Brandung ist zu hoch! Die Zurückgelassenen suchen erst einmal Schutz in einer verfallenen Hütte und wärmen sich an einem selbstgemachten Feuer. Zum Glück liegt der Strand voller Treibholz. Nach vier Stunden können wir sie dann bei abflauendem Wind endlich zurückholen. Unsere Zodiacfahrer und Matrosen haben mal wieder Grossartiges geleistet unter diesen Bedingungen!

Immer noch kein Eis in Sicht! Von den Eiskarten des Canadian Ice Service, die ich tagesaktuell aus dem Internet herunterlade, weiss ich aber, dass wir weiter östlich in der Larssen Strait und im Peel Sound noch mit einer beträchtlichen Packeiskonzentration rechnen müssen. Ich bin gespannt auf die Berichte der „Bremen“, die uns entgegenkommt und diese Engstelle zuerst passieren wird. Vielleicht werden wir sogar die Hilfe eines kanadischen Eisbrechers benötigen… Es bleibt spannend!

Kapitän Thilo Natke

 

Logbuch-Eintrag Nr. 3 - MS BREMEN
19. August 2009, mittags
Position: 72° 42’ N, 078° 00’ W
Luft: 9°C, Wasser: 8°C, Wind: WSW 4-5 Bft, leicht bewegte See
sonnig, sehr gute Sicht, kein Niederschlag
Pond InletAn der Ausbootungsplattform ca. 1m Wellen –  eine spritzige Überfahrt!

"All well" – eine Ausdrucksform, die die englische Marine seit je her zu Beginn all  ihrer Nachrichten gesetzt hat, ohne daß es wirklich aussagte, ob an Bord alles wohlauf ist. Hier an Bord ist dem aber wirklich so.
Wir liegen im Moment bei klarer Luft und sonnigem Wetter vor Pond Inlet am Anker. Eine ruhige Überfahrt mit einem Seetag durch die Baffin-See liegt hinter uns. Unseren Aufenthalt auf Grönland auf ein Maximum zu verlängern, war also richtig. Denn eine pünktliche Ankunft war hier und heute wichtig, weil wir erst einmal die offizielle Einklarierung nach Kanada durchführen mußten. Die beiden Beamten waren dazu eigens tags zuvor hierher geflogen und erwarteten uns nun. Alles lief ruhig und wesentlich schneller, als geplant. Unsere Gäste konnten somit heute ein erstes mal die Füße auf kanadischen Boden setzen. Genauer genommen befinden wir uns jetzt in dem Territorium Nunavut. In der Sprache der Inuit bedeutet dieses "unsere Heimatland". Ca. 31 000 Menschen auf einer Fläche die  6 mal so groß ist, wie Deutschland. Auf jeden 5-6ten von Ihnen kommt ein König der Arktis – der Eisbär. So genaue Zahlen gibt es nicht. Aber sind es eigentlich nicht alle Könige,
die es in Übermittlung ihrer Traditionen gelernt haben in dieser wunderschönen, aber rauhen Natur zu überleben?
Mit Norman Thomas ist heute morgen ein guter Bekannter zur Bremen-Familie hinzugestoßen. Er wird der Ice-Master auf dieser Reise sein. Er ist einer der beiden Kapitäne des kanadischen Eisbrechers "Sir Wilfried Laurier", der sich zur Zeit im zentralen Bereich der Nordwestpassage aufhält und wird uns während unserer Reise an Bord durch das Eis beraten. Erste Absprachen wurden getroffen, die derzeitige Eissituation analysiert. Noch steht nicht fest, ob wir die Unterstützung eines Eisbrechers benötigen werden.  In jedem Fall aber werden wir im Peelsound auf eine Menge Eis treffen. Ein ca. 5°C kälterer Sommer, als die letzten Jahre und der Verbleib von altem, hartem, mehrjährigem Eis hat seine Spuren hinterlassen. Doch noch haben wir ein paar Tage Zeit bis dahin. Dundas Harbour, Beechey Island und Resolute werden wir zuvor noch anlaufen.
Doch bevor wir uns auf den Weg machen können, erwarten wir nun noch irgendwann "im Laufe des Tages" das verspätete Eintreffen unseres kanadischen Eisbärenwächters mit dem Flugzeug.  Schlechtes Wetter in den vergangenen Tagen hat scheinbar seine Anreise auf die Bremen zu einer Odyssee werden lassen.
„Im Laufe des Tages“ – herrlich: Uhren, ohne Minutenzeiger ... und selbst die Stunde wird zum Zufall. Zeit – der wahre Luxus unseres Lebens. Auch wir nehmen sie uns.

Bis dahin...

Kapitän Mark Behrend

 

Logbuch-Eintrag Nr. 2 - MS BREMEN
17. August 2009, nachts
Position: 69° 11.7’ N, 051° 18.2’ W
Luft: 10°C, Wasser: 5,5°C, Wind: E 2 Bft, schwach bewegte See
Schwach bedeckter Himmel, bei guter Sicht, kein Niederschlag
GrönlandWir halten das Schiff mit laufenden Maschinen auf Position. Ein Ankern ist bei 300 m Wassertiefe nicht möglich. ..und vor der Schwelle des Eisfjordes sicherlich auch nicht angebracht.

Grönland, diese wunderschöne Insel, hat uns den Abschied wahrlich nicht leichtgemacht. Nach einigen Wochen, die sich ms Bremen schon in ihren Küstengewässern aufhält, hat diese größte Insel der Erde noch einmal alle Register gezogen, uns daran zu hindern. Oder wie ist der pottendicke Nebel von heute morgen zu erklären? Eigentlich wollten wir vor Aaisat, für unsere Gästen einen von uns mittlerweile als sicheren Ort für Walbeobachtungen angenommenen Platz aufsuchen.
Wir waren pünktlich da. Ob die Wale auch, werden wir aufgrund von Sichtweiten von weniger als 50 m nie erfahren. So fuhren wir sogar noch etwas früher als erwartet in die so bekannte Disko Bucht hinein. Sie ist der nicht minder attraktive Gegenpol zur antarktischen Paradiesbucht.
Als wir uns dann auf nordöstlichem Kurs dem Eisfjord und damit der Hauptschlagader der grönländischen Eisbergproduktion näherten, zeigte sich dieser vergletscherte Kontinent  doch noch von seiner herzerwärmenden Seite. Eine leichte östliche Brise hob fast mystisch den Vorhang des Nebels und gab uns allen den Blick frei auf eines der imposantesten Bühnenschauspiele unserer Erde. Unmittelbar vor der Schwelle des Jakobshavn Eisgletschers ließen wir für 2.5 Stunden unsere Schlauchboote für eine Zodiac-Rundfahrt zu Wasser.  Während wir nach diesem Aufenthalt noch eines dieser Boote nach Illulisat schickten, um ein uns nachgereistes Gepäckstück an Bord zu nehmen, gaben wir dem Drängen dieser Landschaft nach. Wir ließen uns „erweichen“ und legten einen Überraschungstop in Rodebay  ein. Dieser  so liebenswerte und idyllische Ort hieß uns alle noch einmal am Nachmittag mit einer Anlandung willkommen, bevor es um 17-30 Uhr Abschiednehmen hieß.  Die untergehende Sonne, geleitete uns durch das Vaigat schließlich in die Baffin See. Zurück lassen wir alle mit Grönland eine uns ans Herz gewachsene nordische Schönheit.
Ich glaube, es ist gut, daß vor uns auch der zeitliche Abstand eines Seetages liegt, um uns einer gänzliche anderen, neuen Küste zuzuwenden. Nach über 500 Seemeilen werden wir am Mittwoch gegen 0800 Uhr die kanadische Arktis bei Pond Inlet auf der Baffin Insel erreichen.

Bis dahin...
 
Kapitän Mark Behrend

 

Logbuch-Eintrag Nr. 2 - MS HANSEATIC
17. August 2009, 12:00 Uhr
Position: 69° 52’ N, 139° 50’ W
Luft: 8°C, Wasser: 5°C, Wind WSW 4 Bft
schwach bewegte bewegte See, gute Sicht
MS HANSEATIC Das Symbol der diesjährigen Nordwestpassage, ein Eisbär auf blauem Grund, kunstvoll gemalt von einem philippinischen Matrosen, ziert seit heute unsere Back – da ist es wieder, dieses „Feeling“, auf einer ganz besonderen Reise zu sein!

Auch auf einer Expeditionsreise darf eines nicht fehlen: Der festliche Kapitänsempfang mit anschliessendem Dinner vorgestern. Ein schöner Brauch, denn da habe ich Gelegenheit, alle Passagiere persönlich zu begrüssen. Ich sehe viele bekannte Gesichter, auch auf dieser Reise sind die meisten unserer Gäste „Repeater“. Viele waren mit uns schon
in der Antarktis und schwärmen noch davon…

Gestern haben wir bei Point Barrow den nördlichsten Punkt der USA erreicht. Eine Landung in der kleinen Siedlung Barrow klappte leider nicht, die Brandung am Strand war zu hoch, um mit unseren Zodiacs sicher landen zu können und einen Hafen gibt es nicht. Auch das gehört zu einer Expeditionskreuzfahrt: Ständig auf Änderungen vorbereitet zu sein. Also wird der Rest dieses Tages mit Vorträgen unserer Lektoren ausgefüllt. Man kann eine Menge lernen, wenn unsere Biologen, Geologen, Historiker und Glaziologen sehr anschaulich etwas über unser Fahrtgebiet vortragen. Über zwanzig Vorträge werden unsere fünf Lektoren im Laufe der Reise halten, jeweils auf deutsch und englisch.

Bei Point. Barrow haben wir dann auch im nautischen Sinne den Transit durch die etwa 1800 Seemeilen lange Nordwestpassage begonnen. Die Beaufortsee ist fast eisfrei. Wo sich noch vor wenigen Wochen dichtes, undurchdringliches Packeis bis zur Küste Alaskas erstreckte, ist jetzt offenes Wasser. Das polare Eis hat sich 20 bis 60 Seemeilen nach Norden  zurück-gezogen und gibt den Weg frei. Nur vereinzelte Felder aufgelockerten Eises säumen unseren Kurs und wir können mit 16 Knoten Richtung Osten fahren. Unsere Biologin ist ständig mit dem Fernglas auf der Brücke: Wo es Eis gibt, gibt es auch Eisbären! Noch aber hatten wir kein Glück.

Auch in der Arktis kann man der Bürokratie leider nicht entkommen: Bei der kleinen Insel Herschel werden heute Nachmittag zwei kanadische Grenzoffiziere mit dem Wasserflugzeug landen, um das Schiff einzuklarieren (d.h. behördlich abzufertigen), denn wir verlassen jetzt die amerikanischen Gewässer und reisen nach Kanada ein.

Kapitän Thilo Natke

 

Logbuch-Eintrag Nr. 1 - MS BREMEN
16. August 2009, abends
Breite: 67° 46.9’ N, Länge: 54° 21.3’ W, Kurs: Nord /360
Luft: 7,5°C, Wasser: 6,5°C, Wind: WNW 2 Bft, schwach bewegte See
Bewölkter Himmel bei guter Sicht, kein Niederschlag
Sisimiut So, nun ist die Reise losgegangen, die Nordwestpassage mit der nüchternen Reisenummer BRE0916. Ich meine damit: für mich persönlich ist sie losgegangen. Denn soeben haben wir den offiziellen Willkommensabend für diese außergewöhnliche Reise gemeinsam begangen. Ich habe meine ersten offiziellen Worte an die Gäste richten können. Ob ich sie alle erreicht habe? Sicherlich nicht!
...noch nicht.  Aber ich habe es auch nicht anders erwartet. Beim offiziellen Reisebeginn gestern,  haben wir im grönländischen Kangerlussuaq die Reise mit 126 Passagieren und 101 Besatzungsmitgliedern begonnen. Jeder mit seinen eigenen Vorstellungen, Träumen und Wünschen – neben dem Eis die größte Herausforderung.
Nach 82 sm aus dem Söndre Strömfjord nach See hinaus, am ältesten Gestein der Erde vorbei und weiteren rund 70 sm Seestrecke, lagen wir heute von 09-00 bis 16-00 Uhr an der Pier in Sisimiut. Pier...ein Luxus, den wir erst wieder am Reiseende in Nome / Alaska genießen werden.  Bereits vor 2 Tagen waren wir in dieser, an grönländischen Verhältnissen gemessen, Großstadt gewesen.  Für das Schiff selber fing dort die Nordwestpassage an. Denn hier haben wir den Inhalt von 4 40-Fuss Containern übernommen. Für 50.000 kg Proviant und Ausrüstung hatten wir 5 Stunden Zeit... eigentlich nicht zu machen – eigentlich !
Aber hier ticken die Uhren anders: Grönland, ja klar. Aber auch an Bord der Bremen! Und damit meine ich nicht die 4 Stunden Zeitdifferenz augenblicklich zu Deutschland. Wirklich alle haben mit angepackt; selbst mitreisende Familienmitglieder der Besatzung, um Frischwaren, Ersatzteile, Druckwaren, Shopartikel und so Vieles mehr in die entsprechenden Lagerräume zu verfrachten. Parallel wurde das Schiff mit Arctic Diesel bis auf Lademarke bebunkert. Schließlich steht uns eine Reise bevor, die sich wie keine weitere kalkulieren und planen läßt; eine Reise, für die man vor allem eines braucht: Reserven! Sei es Zeit, Geschwindigkeiten, Brennstoffe, Versorgungsgüter ...und bei allem auch ein wenig Glück.  Seit dem 16. Juli befindet sich die BREMEN nun in den grönländischen Gewässern – gar seit dem 08. Juli arbeiten wir uns immer wieder durch polares Meer- oder Gletschereis.
Morgen möchten wir mit unseren Gästen noch einmal einen Blick in eine der  beeindruckensten Regionen dieser Erde werfen: die Disco Bucht und ihrem Eisgletscher – an der Abbruchkante entstehen Eisbergkolosse mit bis zu 1000 mtr Tiefgang. Beruhigend (?), daß nur die, mit nicht mehr als 250 m ihren Weg über die Fjordschwelle finden.  2 weitere Dinge Planen wir für diesen Tag – nur wenige wissen darüber Bescheid!  Wenn es gelänge, wäre es eine tolle Sache.

Kapitän Mark Behrend

 

Logbuch-Eintrag Nr. 1 - MS HANSEATIC
15. August 2009, mittags
Position: 68° 54’ N, 167° 04’ W, Kurs 13°
Luft: 6°C, Wasser: 6°C, Wind NNW 5/6 Bft, mässig bewegte See
MS HANSEATICAm 14. August morgens verlässt die „Hanseatic“ den kleinen Hafen von Nome, im westlichsten Zipfel Alaskas. Man sagt zu recht: „Dies ist nicht das Ende der Welt – aber man kann es von hier aus sehen…“

Wir brechen auf, um die legendäre Nordwestpassage, den Seeweg vom Pazifik zum Atlantik, quer durch die kanadische Arktis, zum achten Mal zu durchqueren. Ich bin zum vierten Mal dabei und bin gespannt auf das, was vor uns liegt. Schliesslich ist diese Expeditionskreuzfahrt auf der historischen Route von Roald Amundsen eines der letzten grossen Seereiseabenteuer der heutigen Zeit. Nur wenig mehr als hundert Schiffe haben es seit 1906 geschafft…

Für die 23tägige Reise sind wir gut gerüstet: Die „Hanseatic“ ist ein eisverstärktes Expeditionskreuzfahrtschiff, seit 1993 in Arktis und Antarktis zu Hause. An Bord befinden sich 410 t Treibstoff, 120 t Trinkwasser und etwa 110 t Proviant. Das muss bis Grönland reichen, denn unterwegs gibt es keine Möglichkeit, sich zu versorgen. Wir sind auf uns allein gestellt.

Mit dabei auf dieser spektakulären Reise sind 161 Passagiere aus 10 Nationen, u.a. Deutschland, der Schweiz, den USA und den Niederlanden. Unsere 124 köpfige Crew kommt vorwiegend aus Deutschland und von den Philippinen.

In der Beringstrasse erleben wir am Abend bei bestem Wetter bereits die ersten Highlights: Wir treffen im Wasser auf eine Herde von mehr als 200 (!) Walrossen – die Decks füllen sich in kurzer Zeit mit Passagieren in roten Parkas. Die ersten hundert Digitalfotos werden geschossen… Dann fahren wir ein wenig auf der Datumsgrenze hin und her, die hier zwischen der russischen Insel Big Diomede und der amerikanischen Insel Little Diomede verläuft: Links ist schon Samstag und hier noch Freitag, also schnell mal „nach morgen“ rüber, und dann zurück „nach gestern“. Kuriose Spielerei.

In der folgenden Nacht überqueren wir den Polarkreis. Damit haben wir geografisch die Arktis erreicht. Wann werden wir wohl auf das erste Packeis treffen?

Kapitän Thilo Natke

 

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